Leihwagenrennen

Muss so gegen 1987 gewesen sein, ich war 19, es war Freitag oder Samstag, also stand eigentlich schon fest wie der Abend aussehen würde: bei meinem Freund Ralf (Namen auf Wunsch des Betroffenen von der Redaktion geändert) rumhängen bis 10 oder 11, dann in die von uns bevorzugten Bar, die wir damals sicher noch schlicht Kneipe nannten und später dann zwei Häuser weiter in Siegens einzig erträgliche Kellerdisco.

Wie dem auch sei, mein Abend begann wie üblich mit einer Fahrt zu besagtem Kumpel, wo ich zumeist eine gute Stunde mit dem Verzehr von Chips verbrachte, während Ralf „nur noch schnell“ seine Haare in Form brachte. So richtig wohl fühlte ich mich in seinem Zimmer nie – zumindest seit mir aufgefallen war, das sein Terrarium verweist war und er auf Nachfrage lapidar erklärte: „Ja, die Vogelspinne ist abgehauen – die sitzt sicher hier irgendwo hinter der Holztäfelung.“

Noch bevor ich die Chips Tüte leer hatte und lange bevor er normalerweise fertig gewesen wäre (sein Haupthaar war ihm sehr wichtig und hätte es damals schon soviel Bonusprogramme und Prämiengedöns gegeben wie heute, er wäre sicher einer der ersten mit der Gard-Haarstudio-Platinum-Karte gewesen), sprang er plötzlich aus dem Bad, rief „Ich weiß was wir machen: Wir drehen eine Runde mit Vaters neuem Benz.“ und stürmte aus dem Zimmer. Normalerweise bin ich unvernünftigen Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen – damals noch viel mehr als heute. Aber ich hatte nicht erst einmal die eindrücklichen Warnungen seines Vaters gehört, bloß nicht auf die Idee zu kommen, sich heimlich den Benz auszuleihen. Und es ging nicht um irgendeinen Benz, sondern um einen damals brandneuen schwarzen 300er SL mit 24 Ventilen. Ich ließ meine Skepsis jedoch relativ schnell links liegen, nachdem Ralf mit triumphierendem Lächeln wieder in der Tür stand und mir mit den Worten „Er hat ihn nicht mitgenommen“ den Schlüssel präsentierte. Schnell die letzten Chips in den Mund geschüttet und los ging es zur Garage neben dem Haus.

Das Garagentor war nur angelehnt und wurde schnell nach oben geschoben. Wir stiegen ein, er startete den Motor und versuchte mir bereits beim Ausparken die Motorleistung möglichst eindrucksvoll zu demonstrieren. Aus dem Wohnviertel raus auf die Hauptstrasse – selbstverständlich mit runter gekurbelten Fenstern und Arm raus. Die Musik aufgedreht fuhren wir in Richtung Abendprogramm. „Meine Eltern sind mit Schwesterchen Essen gefahren – wir haben locker Zeit bis 12 oder so. Später wechseln wir den Wagen wieder.“ zerstreute er auch meine letzten Skrupel.

Um den Rest der Geschichte zu verstehen muss ich etwas über den Schauplatz der Geschichte erklären: Siegen, die mittelgroße Kleinstadt aus der wir kommen, besteht aus einer Vielzahl von Dörfern und Stadtteilen, die sich durchs Tal ziehen. Will man von einer Ecke der Stadt zur anderen, so fährt man entweder über die normale Hauptstraße, die sich unten durchs Tal schlängelt, oder über die HTS - auch Highway genannt – einer in beide Richtungen 2spurigen Schnellstraße, die sich auf Stützen 15 Meter höher und um ein vielfaches hässlicher durchs gleiche Tal schlängelt. Und wer die Siegener Hauptstraße kennt, kann sich vorstellen wie schwer hässlicher ist.

Nachdem wir schon eine Zeit mit rum-“cruisen“ verbracht hatten, waren wir nun wieder auf der Hauptstrasse Richtung Innenstadt unterwegs (wenn man die Siegener Oberstadt so nennen kann). Die Musik war toll laut, wir nickten mit dem Kopf im Takt und waren unfassbar cool – glaube ich zumindest. Ich hatte das C-Netz Telefon am Ohr, dass damals noch einige Tausend D-Mark kostete und gut 1/3 des Kofferraumes in Anspruch nahm, und schwätze mit irgendeinem Mädel, das wir nun mit dem dicken Benz abholen wollten, als Ralf mit entsetzt aufgerissenen Augen rief: „Meine Eltern!“ und zu einem Golf auf der Gegenfahrbahn deutete. Im Vorbeifahren erkannte ich seine Schwester auf dem Fahrersitz und zwei weitere Personen im Wagen und beendete das Gespräch mit einem kurzen: „Baby, zieh dich ruhig noch mal um, wir holen dich später ab.“ während Ralf den Benz auf der Hauptstrasse drehte, wie ich es bis dato nur aus Miami Vice kannte – nur das wir nicht im rosa Rennboot unterwegs waren.

Mit ein paar geschickten Überholmanövern brachte er uns nah genug an den Golf, um das Nummernschild zu erkennen und damit die bittere Gewissheit zu erlangen, das da tatsächlich seine Schwester inklusive Eltern unterwegs waren. Ralf schlug immer wieder aufs Lenkrad, rief Scheiße, Scheiße, Scheiße und war dabei überhaupt nicht mehr im Takt. In halbwegs sicherem Abstand folgten wir ihnen bis zur nächsten Auffahrt der Schnellstraße und sahen hilflos zu, wie Schwesterchen den Blinker setzte und die Auffahrt nahm.

Während die Golf Rücklichter auf der HTS aus unserem Blickfeld verschwanden wurde Ralf klar, das es nur noch eine Möglichkeit gibt, den zu erwartenden drakonischen Strafen, die wahrscheinlich selbst Festangestellte des Freiburger Foltermuseums erblassen ließen, zu entgehen: wir mussten den Weg nach Hause über die Hauptstrasse schneller bewältigen als der Rest seiner Familie via Schnellstrasse. Also drückte Ralf so drastisch aufs Gaspedals, das ich mich automatisch einen guten Zentimeter tiefer ins Leder kuschelte. Zwischen dem Ort des unglücklichen Zusammentreffens und seinem Zuhause lagen ca. 7 km, geschätzte 20 Ampeln und eine Polizeistation.

Wir hatten halbwegs Glück mit den Ampeln und an der Polizeistation, aber die Fahrt war eine üble Zumutung für die Reifen, das Getriebe und meinen Magen. Gefühlte 4 Minuten später bogen wir mit quietschenden Reifen in die ruhige Anliegerstraße ein, in der er wohnte, „mach das Tor zu“ rief er und rannte zur Haustüre, um den Schlüssel wieder an seinen Platz zu hängen. Augenblicke später kam er wieder raus und wir sahen ein paar Golfscheinwerfer die Straße runterkommen. „Verstecken“ sagte er und zerrte mich mit einer Vehemenz hinter den Busch neben der Garage, die er sonst wahrscheinlich nur bei flüchtigen Damenbekanntschaften raus lässt.

Bedächtig rollte der Golf in die Einfahrt und wurde neben der Garage abgestellt. Schwester, Vater und Mutter stiegen aus. Tick Tick Tick. Das leise Wehgeschrei des wohltemperierten Benz Motors war trotz geschlossenem Garagentor deutlich zu hören. Deutlich schwanken kam Ralfs Vater auf das Gebüsch zu, hinter dem wir saßen. „Komm Schatz“ rief seine Frau, die Schwesterchen zur Tür folgte. Aber Ralfs Vater nestelte an seiner Hose rum und rief ihr ein „Gleich“ zu, dass klare Rückschlüsse auf seinen heutigen Alkoholkonsum zuließ. Das Tick Tick Tick des Motors war immer noch klar zu hören und wir waren zu sehr beschäftigt damit, zu hoffen, das er es nicht hört, um zu verstehen was er vorhat.

Dann fing Vater an zu pissen. Nah, sehr nah und ausgesprochen lang. Dabei wankte er leicht und schaute immer wieder in Richtung der verschlossenen Garage statt sich auf den Strahl zu konzentrieren. Abschütteln. Fertig. Vor der Garage blieb er verdutzt stehen und murmelte „Ich hatte doch nich’ zugemacht.“ Ein letzter Moment der Spannung, dann wankte er weiter und verschwand im Haus.

Im Schein der Straßenlaterne untersuchten wir unser Outfit auf feuchte Sprenkler, aber auch in der Beziehung hatten wir Glück gehabt. Wir schauten uns an, begannen zu lachen, stiegen in den Polo meiner Mutter und starteten mit weniger PS und ohne Telfon in einen durchweg großartigen Abend.

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