Mindestlohnzuschuß

Nachdem der gestrige Tag (28.5.) mit meiner Arak-Allergie eher ruhig war – Schlafen bis Mittag, Pool am Nachmittag und dann mit Peter, Jutta, Margot (Peters indonesischer Bruder) und einem seiner Freunde Essen (für 130.000 Rp = 8,80€ (für alle 5 natürlich)) in einem Warong in Seminjak, um dann erst in Sanur und dann in Legian noch das eine oder andere Getränk zu uns zu nehmen (meine waren allesamt alkoholfrei) – starte ich heute meine Inselrunde.

Handtuch und Badehose sind unter der Sitzbank verstaut, im Rucksack ein bisschen Wäsche, die Zahnbürste, den Sarong und die Taucherbrille und dazu noch die Fototasche mit Kamera, Videocam und iPhone. Kurz von Jutta und Peter verabschiedet und mit einem Tachostand von 6040 km gestartet. Das erste Stück bis hinter Denpasar war relativ unangenehm zu fahren – viel Verkehr und stickige Luft – doch richtig unangenehm wurde es bei KM 8. Die Balinesen haben zwar in den letzten Jahren angeblich viele Straßenschilder aufgestellt, auf Vollständigkeit wurde dabei aber ebensowenig geachtet wie auf Systematik. Mal steht der Zielort drauf, auf dem nächsten Schild fehlt er wieder, auf dem übernächsten taucht er plötzlich wieder auf. So kam ich nach rund 8 km an eine T-Kreuzung ohne eine Idee zu haben, wo es denn nun hingeht. Also kurz in der Kurve angehalten, die Karte rausgenommen und geschaut, wo es denn lang gehen müsste. Links. Na gut.

10 Meter weiter steht ein Polizeiwagen und winkt mich raus. Nich schlimm Jim – ich bin ja schon am zweiten Tag kurz und problemlos durch eine Verkehrskontrolle gekommen – dem fehlenden Stempel in der Motoradzeile meines internationalen Führerscheins zum Trotz.
Der eine Polizist kommt zu mir und möchte meinen Führerschein sehen, ich reiche ihn rüber und er …. steckt ihn ein und bittet mich zum Wagen. Ganz schlechtes Gefühl. Dort erklärt er mir in schlechtem und zu schnellem Englisch, dass ich in der Kurve (in der ich auf eine Vorfahrtsstraße abbiegen musste) nicht stehen bleiben darf. Meine Erklärungsversuche, das ich den Weg nach Sanur suchte, wurden ignoriert.

„How long do you stay?“, „5 more days“ sage ich und er schaut grimmig. Dann erklärt er mir, daß er den Führerschein behalten müsse und ich in 14 Tagen in Denpasar vor Gericht müsse und das ganze eine Geldstrafe von 300.000 Rp hinter sich her zieht, mindestens. Ich müsse also länger bleiben, den Personalausweis abgeben (von dem zuvor ich behauptet hatte, ihn im Hotel zu haben) und alles würde insgesamt sehr schlimm. Gefolgt von dem Satz „is that a problem for you sir?“.

Ich fürchte, ich habe recht auffällig schlucken müssen, auch weil sein Kollege, der mittlerweile hinter ihm stand, recht provokativ mit seinem Pistölchen spielte. „We can do other solution“ sagte er endlich, so das mir die Frage nach einer anderen Lösung erspart blieb. „You can pay here – no Denpasar in 14 Days.“ Bereitwillig holte ich mein Portemonnaie hervor und zählte die 300.000 Rp (rund 20€) ab, er zog mich etwas mehr hinter den Wagen, so dass man uns nicht sehen konnte und nahm das Geld. Augenblicklich verschwand die Pistole im Halfter, der Führerschein in meinem Portemonnaie und er erklärte mir ebenso freundlich wie ausführlich den Weg nach Sanur.
Am Tag zuvor erst hatte Peter mir erzählt, dass alle Polizisten, Lehrer und sonstige Berufe im öffentlichen Dienst lediglich einen Mindestlohn erhalten – von etwa 700.000 Rp im Monat, also umgerechnet knappe 50 €. Da kann man verstehen, dass so mancher Polizist Uniform und Pistole nutzt, um sich ein Zubrot zu verdienen.

Die nächsten 20 Kilometer habe ich nicht angehalten und bin bei jedem Securitymann, von denen es hier reichlich gibt und die zumeist Uniformen tragen, zusammengezuckt. Und die minimale latente Angst, die ich mit meiner Fototasche und deren ca. 1200 € teuren Inhalt stets bei mir trage, ist dadurch auch nicht verschwunden.
Naja – irgendwo mitten auf der Strecke hab ich dann an einem relativ verranzten Warong angehalten und habe die Freundlichkeit der einfachen Leute ebenso wie eine Portion Nasi und Sate (stillecht mit der rechten Hand gegessen) genossen.

Nächster Haltepunkt auf der Strecke war Goa Lawah, ein Tempel in/vor einer Fledermaushöhle. Mit Worten ist dieser Ort schwer zu beschreiben – einerseits ist es ein wunderschöner Tempel mit dem übliche Touri-Nepp davor, andererseits ein Ort, dessen Gestank einen schnell in die Knie zwingt. Sobald ich wieder daheim bin oder einen schnellen Internetzugang habe, werde ich auch davon ein paar Bilder bei Ipernity hochladen, den Gestank allerdings kann ich nicht mit euch teilen – freut euch.

Unterwegs nach Amed, einem Ort an der Östlichen Spitze von Bali, passiere ich Candi Dasa mit seinem großen Lotusblumenfeld, mache kurz Rast in einem Restaurant, in dem ich diese Zeilen tippe und werde misstrauisch von den Bedienteten gemustert, die sicher wegen meines ständigen blätterns im Reiseführer, dem beäugen der Karte und wilden Getippe auf dem Laptop denken, ich schreibe hier etwas für einen Reiseführer. Mir soll’s recht sein – solange man dementsprechend freundlich zu mir ist. ich fahr dann jetzt mal wieder los.

Weiter die Küste entlang Richtung Osten durch zig kleine Dörfer in denen die Hühner auf der Straße rumrennen, die Kinder auf die Straße pinkeln und die Straße auch schon mal für ein paar Meter spontan ausfällt. Dann Richtung Amapalang ins Landesinnere, wo es „Dschungeliger“ wird. Am Straßenrand sehe ich Affen, die schnell wieder im Wald verschwinden, rechts taucht der erste Vulkan auf und die Straße schlängelt sich enger und steiler. Dann links der richtig große Vulkan – Wahnsinn.

Immer wieder gibt der „Urwald“ kurz mal den Blick frei auf atemberaubende Reisfeldterrassen, die hier natürlich um einiges imposanter aussehen, da die einzelnen Stufen wesentlich höher sind. Ein paar Dörfer noch bis ich die richtige Kreuzung finde, an der ich Richtung Amed abbiege. Mein Ziel liegt irgendwo südlich von Amed und eigentlich wollte ich von unten, also entlang der Küste um die Ostspitze der Insel herum fahren, doch da ich die erste Kreuzung verpasst habe und unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit ankommen wollte, folge ich nun der normalen Straße, die mir der Besitzer des Surf Hotels an der Westküste als schöne Strecke in der Karte markiert hatte. Da er die breitete Route, die ich nun nehme, aber ebenso mit dem Marker gekennzeichnet hat, mach ich mich wegen der verpassten Kreuzung nicht wild und fahre weiter.

Immer wieder sitzen Kindergruppen an der Straße und winken mir zu wenn ich vorbei fahre – bis zu dem Moment, als eine Hühnchen aus dem seitlichen Dickicht bricht und mir unters Vorderrad hechtet. Die Feder fliegen, als ob ich ein Kissen überfahren hätte. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch eine entsetzt drein blickende 3jährige, die sofort zum Hühnchen läuft. Ich fahre noch ein paar Meter weiter und drehe schließlich um, weil ich eingeholt werde – von meinem Gewissen. Zurück am Ort des Geschehens steht die ganze Familie in dem kleinen Durchbruch links der Straße, den ich gerade noch für Dickicht hielt, der sich jetzt aber als Eingang zu einem kleinen Grundstück mit Hütte entpuppt.

Der ältestes Sohn hält das Huhn in der Hand, das zu meiner Verwunderung noch eifrig zuckt, die 3jährige deutet mit dem Finger auf mich als ich stehen bleibe. Demütig entschuldige ich mich so gut es geht auf Balinesisch (also nicht wirklich gut) und zu meiner Verwunderung scheint allein das die Familie zu versöhnen. Nun wird gelacht, die Schuld offensichtlich auf das Hühnchen geschoben und mir wird signalisiert, dass es nicht so schlimm wäre, das es heute Abend Huhn zum Essen gibt. Ich suche mein Portemonnaie, um mich von meiner Schuld frei zukaufen, doch zu meiner Verwunderung winkt man ab – das blöde Huhn ist Schuld.

Also setzte ich meinen Weg mit gereinigtem Gewissen und Federn am Vorderrad fort. Kurz darauf tauche ich noch tiefer in das echte Bali ein: Die Straßen werden noch schlechte, die Häuser noch „hüttiger“. Nach wenigen Kurven komme ich an die Küste, die scheinbar schon länger in direkter Nähe war, sich aber hinter der dichten Vegetation versteckt hielt. Der Rest der Strecke ist schier unglaublich: Es folgt eine ganze Reihe an malerischen kleinen Buchten, in denen kleine, schäbige Hütten direkt neben einladend wirkenden Hotels, Bungalows und Villen, wie die Ansammlungen kleiner Appartements hier genannt werden. In der siebten oder achten Bucht entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift „Good Karma“ und bin ich endlich am Ziel – auch ein Tipp des Kanadischen Surf-Hotel Besitzers. Ein kleiner Weg führt herunter an den Strand, der sich als kleines Paradies herausstellt: Direkt am Strand stehen ein paar Bambushütten auf Stelzen. Winzige Hüttchen, in die gerade mal ein Bambus-Doppelbett und ein schmales Bambusregal passt, jeweils mit einer ebenso winzigen Veranda davor, auf der zwei Liegen (ja, aus Bambus) stehen, über denen eine Hängematte hängt. An der Rückseite jeder Hütte ist ein kleine Türe, durch die man über drei Stufen, die wieder nach unten führen, ins Freiluft Badezimmer kommt. Dort gibt es nicht außer einem Waschbecken, einer Toilette, einem Absperrhahn und einer darüber liegenden Wasserrinne – zusammen also die Dusche. Wer braucht schon mehr? Der Mitarbeiter, der mir das Zimmer zeigt, reduziert den Preis ohne das ich handle von 80.000 auf 70.000 pro Nacht. Rechne, rechne, 4,80 €, wer könnte da nein sagen, hier bleib ich natürlich über Nacht.

Mittlerweile ist es kurz nach 5 und kaum das ich mich in die Hängematte geschwungen habe, fragt mich ein freundlich Balinesin, ob ich Lust auf eine Massage hätte. Obwohl mir sowohl am Strand als auch im Hotel schon Massagen angeboten wurden, von den vielen Massage-Läden entlang der Straßen mal ganz abgesehen (und ich rede hier selbstverständlich von normalen Massagen, nicht von der Art Massage, für die Rudelweise Australier hier rüber kommen und die auch bei vielen häßlichen und/oder alten Deutschen so beliebt ist), hatte ich bis dato noch keine. In dieser Umgebung und vor allem nach einem Tag auf dem Moped konnte ich allerdings nicht nein sagen und bei einer Stunde Massage für 50.000 rp (3,40€) scheint auch das Preis/Leistungsverhältnis mehr als okay. Also habe ich inmitten dieser malerischen Umgebung erst einmal eine großartige Massage genossen, die tatsächlich von den Zehen über die Finger bis hin zu Kopf reichte – lediglich die Körpermitte wurde ausgespart. Währendessen hab ich mir auf dem iPhone Radiohead angehört, auf die Brandung geschaut und mich pudelwohl gefühlt.

Danach eine kleine Runde im Meer, eine kurze Dusche und Hühnchen mit Curry und Kokosmilch – passend zum Nachmittag. Und gleich trinke ich noch ein Bitang, das Balinesische Bier, und dann lege ich mich in meiner Hütte unter das Moskitonetz und schlafe beim Rauschen der Wellen ein. So solls sein. Und morgen muss ich unbedingt etwas über die Tankstellen und die Chi-Chocks (die sich sicher anders schreiben) erzählen.

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